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Rund 100.000 Kinder in Deutschland wachsen mit zwei schwulen Vätern oder zwei lesbischen Müttern auf. Trotzdem: Wenn es um Kinder geht, scheint die Emanzipation von Lesben und Schwulen an ihre Grenzen zu stoßen. Denn viele trauen ihnen Kindererziehung nicht zu und prophezeien den Kindern Diskriminierung. Wie denken die Betroffenen selbst? 36 Kinder zwischen sechs und 31 Jahren wurden für ein Buch interviewt. ADAM hat bei Autorin und Soziologin Uli Streib-Brzic nachgefragt. Georg ist 17. Seit seinem elften Lebensjahr, als sich seine Eltern getrennt haben, lebt er mit seinem Vater Geerd in Berlin-Charlottenburg, meistens zu zweit, aber auch immer wieder mal zu dritt, wenn einer der Freunde des Vaters einzog und sie eine Familie bildeten. Die Entscheidung, dass sein Vater mit Männern lebt, kam ihm als „was ganz Natürliches vor“. So begleitet Georg seinen Vater auch zum CSD – im Fummel. Georg ist Friseur und findet, auch Männer strahlten Erotik aus, etwa sein Tanzlehrer. Wie er sich definiert? „Als Tunte mit heterosexueller Orientierung.“ Früher, als er noch zur Schule ging, hätten ihn viele Schulkameraden um diesen „echt coolen Vater“ beneidet. Aber es sind ihm auch Schimpfworte hinterhergerufen worden. Er litt darunter. Erst mit den Jahren fand er die Power, die Lästereien zu überhören. Seine Lehrer hätten, weil er einen schwulen Vater hat, ein besonderes Auge auf ihn geworfen. Ausgerechnet der Religionslehrer, selbst schwul, habe beim Thema Homosexualität im Unterricht kapituliert, weil es in der Klasse so viele Unruhe auslöste. Dass sein Vater so offensiv mit seinem Schwulsein umgeht, findet er trotzdem gut. So ist Geerd auch Elternsprecher geworden, nachdem er es allen Eltern erzählt hat. Georg findet es auch stark, wenn sein Vater als Drag Queen Geburtstag feiert. Er habe von diesem Freiheitsdrang viel gelernt. Georg ist begeisterter Standardtänzer und träumt davon als Friseur Karriere zu machen. Georg ist eines der 36 interviewten Kinder schwullesbischer Eltern, die in dem Buch „Und was sagen die Kinder dazu?“ vorgestellt werden. Für ihn ist es Normalität, nur mit Männern aufzuwachsen. Auch Christian (15), der mit seiner Schwester Nadine (13) bereits fünf Jahre mit seinem schwulen Onkel und dessen Freund zusammenlebt, lobt das etwas andere Familienleben und geht in seinem Gymnasium ganz unbekümmert damit um. Wenn Lehrer die Unterschrift von seiner Mutter fordern, antwortet er ihnen: „Ich wohn bei zwei Schwulen.“ Christian selbstbewusst: „Uns fehlt hier keine Frau.“ Regenbogenfamilien: Wie ist die Realtität? Wie repräsentativ sind die Beispiele im Buch für die rund 100.000 Kinder, die in Deutschland mit zwei lesbischen Müttern oder zwei schwulen Vätern aufwachsen? Das haben wir Uli Streib-Brzic (46), eine der Autorinnen des Buches, gefragt. Die Berliner Soziologin wurde bereits mit ihrem Ratgeber „Das lesbisch-schwule Babybuch“ (Querverlag) bekannt. Uli Sreib-Brzic: „Wir haben versucht, möglichst viele unterschiedliche Kinder und Jugendliche zu Wort kommen zu lassen. Die, die wir ausgewählt haben, sind zwischen 6 und 31 Jahre alt, leben in ganz Deutschland, Österreich oder der Schweiz, sind unterschiedlicher kultureller Herkunft. Es sind Kinder von Pflegeeltern dabei, Kinder, die aus heterosexueller Verbindung stammen oder in einer lesbisch-schwulen Familie gezeugt wurden, Kinder, die mit einem Elternteil aufwachsen oder in einem erweiterten Familienmodell leben.“ Lesbisch-schwule Kindererziehung: Wie ist die Realität? Dass sexuelle Orientierung keinen Einfluss auf die Erziehungsfähigkeit hat und dass Lesben und Schwule ebenso gute Eltern sind wie Heterosexuelle, hat sich als Erkenntnis noch nicht überall durchgesetzt. Was die Kinder betrifft: In den Gesprächen hat sich gezeigt, dass Kinder auf unterschiedliche Reaktionen stoßen, wenn sie von ihrer Familie erzählen. Das können interessierte Nachfragen sein, eine selbstverständliche Akzeptanz, aber natürlich erleben noch immer viele, wenn auch nicht alle Kinder, auch abwertende Äußerungen. Als Orientierungspunkt gilt: Je offener Mütter oder Väter ihre lesbische oder schwule Identität leben und je besser sich Kinder von ihren Eltern und von ihrer Umgebung, den Lehrern und Lehrerinnen in der Schule und auch den Erzieherinnen in der Kita unterstützt fühlen, desto selbstverständlicher und selbstbewusster gehen die Kinder mit ihrer besonderen Familiensituation um. Tun sich Kinder mit zwei Müttern leichter als mit zwei Vätern? Ein altes Vorurteil, dass Männer sich doch eher nicht für die Kindererziehung eignen? Es ließ sich in unseren Interviews nicht bestätigen. Die Kinder fühlten sich bei ihrem Vater, beziehungsweise bei ihren Vätern sehr gut aufgehoben. Manche hielten ihren Vater sogar für das bessere Elternteil oder bekunden wie Christian: „Uns fehlt hier keine Frau.“ Einige der Jugendlichen wie Georg (17) oder Robin (11) berichten, dass sie um ihre Väter wegen deren Offenheit beneidet wurden. Ist Erziehung in schwullesbischen Haushalten automatisch toleranter? Nein, sicher nicht automatisch. Aber die Chance dazu, sich mit Anderssein, mit Norm, mit Ausgrenzung auseinander zusetzen und eine tolerante Einstellung zu entwickeln, ist größer, weil die Kinder selbst erfahren, wie es sich anfühlt, wenn ihre Familie im Familienbild der Gesellschaft so gut wie gar nicht, beziehungsweise nur als erklärungsbedürftiges Sondermodell vorkommt. Wann sollten schwule Elternteile ihren Kindern reinen Wein einschenken? Kinder fragen relativ früh nach ihrer Herkunft und vergleichen ihre Familie mit anderen. Ich denke, dass es möglich ist, auch kleinen Kindern schon altersgerecht zu erklären, dass Frauen Frauen und Männer Männer lieben können. Davon berichtet zum Beispiel die zehnjährige Antonia im Buch, die stolz in der Kita erzählt hatte, dass sich ihre Mama in Sabine verliebt hat – und damit ihrer Mutter zuvorkam. Was war das spannendeste, vielleicht auch ungewöhnlichste Erlebnis Ihrer Recherchen? Dass sich so viele Kinder bei uns gemeldet haben. Die Offenheit der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen in den Gesprächen fand ich oft sehr berührend, auch ihre Rückmeldung, dass es toll war, so ausführlich zu dem Thema befragt zu werden. Was erwarten Sie von der Wirkung Ihres Buches? Was wir erhoffen ist, dass es einen Beitrag leistet, schwul-lesbische Familien gesellschaftlich mitzudenken, in der Gesetzgebung, in Schulbüchern, in der Familienpolitik. Für Lesben und Schwule, die Eltern sind, kann es Anregungen bieten oder auch Orientierung sein. Und die Kinder selbst finden sich vielleicht in der einen oder anderen Geschichte wieder. www.undwassagendiekinderdazu.de |
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